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aktuelles
Michel Houellebecq in Paris vor Gericht
»Plattform« hieß der im August 2001 in Frankreich bei Flammarion erschienene neue Roman von Michel Houellebecq und hat ihn jetzt wegen »rassistischer Beleidigung« und »Anstiftung zu religiösem Hass« vor die Pariser Gerichte gebracht. Aber auch in Interviews greift Houllebecq den Islam immer wieder massiv an. Ein Hintergrundbericht.
»Literatur ist für mich Beschreiben.
Und das allein ist schon eine sehr aufreibende Aufgabe.«
(Michel Houellebecq)
»Plattform«, Michel Houellebecqs neuester Roman, ist, das muss man vorwegnehmen bereits im August 2001 in Frankreich erschienen, also noch vor dem 11. September 2001. Nun ist es auch hier in deutscher Übersetzung bei DUMONT erschienen.
»Plattform« – Grund zur Unruhe?
Langsam. Worum geht es überhaupt? Der Erzähler Michel ist Beamter im Kultusministerium. Vierzig, farblos, frustriert und nach Dienstschluss einsamer Peep-Show-Erotomane und Experte im TV-Zappen. Die Urlaubspauschalreise ins Traumland Thailand verspricht diesem »ziemlich mittelmäßigen Individuum« paradiesisches Glück und Erlösung: Sexgenuss mit Asiatinnen. Die Mitreisende Valérie, eine erfolgreiche Managerin in der Tourismusindustrie, lernt er erst nach der Rückkehr ins lieblose Paris wirklich kennen – und mit ihr ein tiefes menschliches Glück voller Obsessionen, und ohne Bezahlung. Zusammen erfinden Valérie und Michel ein rettendes Programm für die Reisebranche, die Plattform zum Glück: Wenn mehrere hundert Millionen alles haben, bloß kein sexuelles Glück, und mehrere Milliarden nichts haben als ihren Körper, dann ist das »eine Situation des idealen Tauschs«. Michel und Valérie wollen die verlorene Liebesfähigkeit des Westens in neuartigen Ferienclubs organisieren. Aber das gemeinsame Glück, nach dem Houellebecqs Erzähler Michel verzweifelt sucht, wird bei einem terroristischen Anschlag in Thailand von Islamisten zerstört und Valérie stirbt in seinen Armen.
Und da beginnt des Buches allgemeiner Kritikpunkt: Nachdem Michels Freundin bei dem islamistischen Attentat getötet wird, entwickelt der Protagonist Hass- und Rachegedanken. So schreibt er:
»Jedes Mal, wenn ich erfuhr, dass ein palästinensischer Terrorist oder ein palästinensisches Kind oder eine palästinensische schwangere Frau im Gazastreifen erschossen worden war, bebte ich vor Begeisterung.«
Houellebecq wendet sich wie ein Fisch durch die
Interviews, schießt mal böse den Interviewern vor den Bug, mal distanziert er
sich von seinem Protagonisten. Jedenfalls, so Houellebecq, sei er kein
engagierter Schriftsteller, wie etwa Sartre das war. Und so beschreibe er
lieber das Elend. Lösungen aufzuzeigen liege ihm fern. Und, so fügt er gerne
hinzu, dies sei auch nicht Aufgabe der Literatur. Der heute 44jährige
Houellebecq sieht sich nicht als kleinen Beobachter, kleine Themen
interessieren ihn nicht, auch wenn er sehr detailliert schreibt. Deswegen, so
sagt Michel Houellebecq, gehe er auch nicht wählen. Er sieht sich als großer
Beobachter. Ein Systemanalytiker, der aus seinen Analysen einen Roman macht.
Und das kann er fürwahr, der Michel Houellebecq, mochte man bisweilen – sich
offenen Mundes durch seine Bücher »Ausweitung der Kampfzone« und
»Elementarteilchen« lesend – jubeln. Also der große Vordenker, unterschätzt in
seiner Bedeutung? Oder nur ein Berufs-Provokateur der die Medien bedient, »ein
sich vor der französischen Kritik für eine neue Debatte, naturgemäß möglichst
skandalträchtig, prostituierenden Autors«, wie Kristina Nenninger aus der
amazon.de-Redaktion schreibt?
(Houellebecq im französischen Literaturmagazin »Lire«)
Später nennt der Autor die Hasstiraden seines Protagonisten menschlich verständliche und nachvollziehbare Reaktionen nach einem schrecklichem Verlust. Und der Schweizer Sonntagszeitung verriet er in einem Interview im September 2002, dass es ihn gar ärgere, als Thesenautor betrachtet zu werden. Er habe keine Meinung, ebenso wenig übrigens wie seine Romanfiguren.
Dazu steht im Gegensatz, sein Geständnis im September in der französischen Literaturzeitschrift »Lire« – wenige Tage nach Erscheinen des Romans im August 2001. Und auch als sein Gesprächspartner ihn fragte, ob es sich bei seinen Äußerungen nicht mehr um bloße Verachtung des Islam, sondern um Hass, handele, bestätigte der Autor »Ja, ja, man kann von Hass sprechen«:
Lire (Didier Sénécal):
»Pour l'Islam, ce n'est plus du mépris que vous
exprimez, mais de la haine?«
Houellebecq:
»Oui, oui, on peut parler de haine.«
»Plattform« ist in Frankreich bereits im August 2001 erschienen – einen Monat vor den schrecklichen Ereignissen vom 11. September 2001 in den USA. Und wenn Oriana Fallaci heute mit einem radikalen Pamphlet bis auf Platz 1 der Bestseller-Listen stürmt, dann ist das nur ein weiterer Ausbruch eines anscheinend doch beträchtlich brodelnden Antiislamismus bei einigen europäischen Top-Intellektuellen. Auch wenn sich die Autoren bisweilen hinter ihren Figuren verstecken, wie Houellebecq es tut. Und Frau Fallaci es eben gar nicht tut.
[StG]
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