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Mit »Die Wut und der Stolz« hat die Italienerin
Oriana Fallaci eine heiß diskutierte politische Kampfschrift dem Volk zum Fraß vorgeworfen.
Darf sie das? Und vor allem: war das notwendig? Sollten Journalisten solche Bücher
schreiben? Und überhaupt: Ist die moderne Literatur zu unpolitisch?
Gedanken zum Stand der Dinge und die bange Frage:
»Was kommt jetzt?«
von Stefan Gentz
Im Bereich »Politische Bücher« tummeln sich überwiegend
Sachbücher. Sachbücher sind meistens Fachbücher. Aber Kampfschriften wie die der Fallaci
finden sich dort eher selten und sind es Meinungsbücher, dann kommen sie als Sachbuch daher.
Doch »Die Wut und der Stolz« ist kein politisches Sachbuch. Es ist vor allem überhaupt nicht
sachlich. Und überaus politisch. Ein interessanter Nebeneffekt dieser Tatsache ist die
aufkommende Frage, wie politisch Literatur sein sollte. Sein darf?
Allzu
politisch jedenfalls sollte ein Manuskript wohl besser nicht sein. Zumindest wenn es nach
Meinung von Oriana Fallacis deutschem Hausverlag Kiepenheuer & Witsch geht. Dieser lehnte
jedenfalls eine Veröffentlichung schlichtweg ab. Programmleiterin Kerstin Gleba von KiWi
jedenfalls befand, dass das Buch »so deutliche rassistische Tendenzen aufweist und so stark
antiislamisch und vulgär ist auch im Tonfall, dass …« eine Veröffentlichung im eigenen Haus
schlichtweg abgelehnt wird. Nachdem auch andere Verlage das Buch als »zu heiß« ablehnten,
fand Fallaci beim Münchener List Verlag einen Unterschlupf, der schon mit mit Ingrid
Betancourt, (»Die Wut in meinem Herzen«) bereits eine äußerst spektakuläre Autorin im
Programm hat. Dass die kolumbianische List-Autorin Ingrid Betancourt und ihre
Wahlkampfleiterin Clara Rojas im Februar 2002 von linksgerichteten Rebellen der FARC in
Kolumbien entführt wurden, zeigt das Gefühl des List Verlags für außergewöhnliche Frauen,
die außergewöhnliche Bücher schreiben. Doris Janhsen, Leiterin des List Verlags, erläutert
dem ARD-Magazin »titel-thesen-temperamente« die Gründe für die Entscheidung, auch Fallacis
neues Buch herauszugeben: »Gerade deshalb, weil es ein radikales Buch ist, weil es ein
bewusst radikales Buch ist, was provozieren will,« habe man sich für eine Herausgabe
entschieden. »Und,« so fügt sie hinzu, »weil es Fragen aufwirft, die bei uns in der Debatte
über den Islam allzu oft ausgeklammert werden. Es sind Fragen danach, ob der Islam als
Religion, vor allem in seiner fundamentalistischen Ausprägung, nicht doch eine Tendenz zum
Totalitarismus hat.«
Das
beachtliche Echo und die Millionenauflagen in Italien, Frankreich und Deutschland verdutzen:
Warum trifft ausgerechnet ein Buch, ein politisches noch dazu, plötzlich auf so ein
außergewöhnlich hohes Publikums-Interesse und klettert aus dem Stand auf Platz 1 der Charts?
Und: Warum trifft ausgerechnet ein so radikal formuliertes, hochemotionales Buch auf so
hohes Interesse? Oder anders gefragt: Muss eine Autorin, die ein politisches Buch schreiben
möchte, erst so radikal formulieren, um überhaupt gehört zu werden? DIE WELT ließ sich sogar
dazu hinreißen, zu schreiben: »Oriana Fallaci hat das wichtigste politische Buch dieses
Jahres geschrieben.« Nicht schwer, denn Fallacis Pamphlet ist dermaßen radikal in der
Formulierung, dass es allein dadurch schon aus der Masse herausragt. Dass es eine
vierundsiebzigjährige krebskranke Italienerin ist, die ein auch in Deutschland überall
diskutiertes Buch schreibt, und nicht etwa ein deutscher Jung-Autor!, ist allerdings
bedenklich. Fehlt der jungen deutschen Autorenszene womöglich gar der Mut zum Risiko? Oder
interessiert sie sich wirklich nur für die Frage ob nun Gucci oder Versace tragbarer seien?
Was von den jungen Autoren und Autorinnen hier in den letzten Jahren kam war zumindest
völlig politikfrei und vergleichsweise harmlos. Aber stellen wir uns mal vor, eine junge
deutsche Autorin, (lassen wir sie ruhig sexy sein), hätte dieses Buch geschrieben?
Unglaublich! Stellen Sie sich das mal vor! Das hätte vermutlich nicht mal List gedruckt!
Aber auch sonst ist vom Eindruck des 11. September bisher in der jungen deutschen Literatur
wenig zu spüren. Fast erscheint das Thema schon wieder jaja schon schlimm, aber so
langsam …, ja doch, komm schon, komm, sein' wir ehrlich, so langsam kann man's doch schon
nicht mehr hören.
Bevor man es überhaupt verarbeiten konnte – und Schuld daran
ist der audiovisuelle, mediale Overkill sagen die einen. Denkfaul nennen es die anderen, die
Euphemisten nennen es bequemlich. Der große Erfolg von Fallaci zeigt auf der anderen Seite
aber auch, dass es ein großes Publikum für politisch provokante Bücher gibt. Doch dahinter
steckt mehr. Fallaci ist heiß. Sie hat ein brennendes Thema, live Eindrücke, ein bewegtes
Leben und sie schreit aus ganzem Herzen ihre Botschaft heraus. Dass die Frau Italienerin
ist, mag man sich dabei gut vorstellen, so wie sie wütet und tobt.
Zu dieser Radikalität im Schreiben ist hier gar keiner
bereit. Am liebsten soll es plätschern auf kleinen, netten Partys. Liebesfreud und
Liebesleid sind die Grundthemen. Doch vielleicht kommt auch hierzulande bald noch etwas
Spannenderes? Aber was? Schauen wir in Frankreich auf die Büchertische so finden wir da
einen spannenden Houllebecq und seinen Protegé Beigbeder …
zumindest Ersterer mit hohem intellektuellem Anspruch. Doch hier? Da wundert es wenig, wenn
eine leichtlesbare, hochpolemische Fallaci mit einem Finger-Verbrenn-Thema die Charts
stürmt.
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