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litsal.de bookinfo Biller, Maxim Esra Roman, 192 Seiten Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2003 EUR 18,90; gebunden ISBN: 3462033530
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litsal.de | Rezensionen | Maxim Biller – Esra
Maxim Biller, Esra Tod eines Lektors
Denn »Esra«, erschienen beim renommierten Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch, können Sie leider nicht mehr kaufen. »Esra« wurde nämlich verboten. Es scheint fast als Rückfall in dunkle Zeiten: Nicht mehr Verlage entscheiden, ob ein Autor seinen Roman veröffentlicht, oder nicht. Gerichte übernehmen zunehmend diese Aufgabe. Der Adovkat schwingt sich zum Lektor auf. Angst macht sich breit in der deutschen Verlagslandschaft. Und nicht nur dort. Denn wenn Zeiten anbrechen, in denen Neuerscheinungen von Gerichten in Fließbandgeschwindigkeit verboten werden, ist Obacht angebracht. "Die Gerichte werden einfach immer dümmer", verlautet es auch aus dem Frankfurter S. Fischer Verlag. Die Unterscheidung zwischen Roman und Sachbuch, also zwischen Fiktion – und sei sie auch noch so sehr »aus dem Leben gegriffen« – und Tatsachenbericht, scheint an den Gerichten offenbar unbekannt zu sein. Um Richter zu werden, muss man im Deutschunterricht nicht unbedingt zu den Klassenbesten gehört haben. Einige Richter in diesem Land, in dem die Freiheit der Kunst einst als wichtige Errungenschaft galt, saßen wohl in der letzten Reihe. Eine ehemalige Geliebte Maxim Billers und deren Mutter finden sich in dem Buch wieder und fühlen Ihre Persönlichkeitsrechte darin verletzt. Um ehrlich zu sein, ich habe die beiden nicht erkannt. Wie auch? Die Existenz dieser Damen war mir bis heute schlichtweg unbekannt. Und hätten diese beiden Frauen nicht so laut hinausposaunt, was niemand wissen wollte, wären sie nicht vor Gericht gezogen und hätten sie nicht lauthals durch die ganze Republik geschrien »Ich! Das bin ich da, die in dem Buch; da, da und dort!«, sie wären mir auch heute noch völlig unbekannt. Unbekannt und vor allem: Egal. Das Paradoxe an dem Fall »Esra« ist jedoch: Erst die Anrufung des Gerichts brachte den beiden Frauen die Öffentlichkeit, die sie als so unerträglich empfinden. „Esra! Esra … Das ist eine Geschichte. Das ist alles nur ausgedacht. Maxim Biller, »Esra« (Seite 16) Ein Roman ist ein Roman ist ein Roman. Auch »Esra« ist ein Roman. Und gar kein schlechter noch dazu. Wie schön, wie einfach wäre das doch eigentlich. Aber nein. Die beiden realen Urtypen für die Romanfiguren Esra und Lale Schöttle haben uns dieses Vergnügen genommen. Aufdringlich lassen Sie uns alle wissen, dass sie die real existierenden Vorlagen der Romanfiguren Esra und Ihrer Mutter Lale sind. Als würde mich das interessieren, wenn ich das Buch lese. Ach, hätten sie doch bloß geschwiegen! Aber es ist nun einmal passiert. Jetzt weiß es jeder, der es sonst nie gewusst hätte. Und leider hat das Münchener Landgericht das Buch nun verboten. Ein Skandal, wie ich finde. Denn natürlich geht es dabei um mehr. Wenn zum Beispiel Peter Mühlbauer in seinem Artikel »Das Literaturgericht« auf heise.de schreibt, »dass es (im Hinblick auf die Anwälte der beiden Parteien vorsichtig formuliert) gewisse Indizien gibt, die darauf hindeuten, dass es sich bei den im Roman beschriebenen Personen um die Münchnerinnen Ayse Romey und Birsel Lemke handeln könnte« zeigt das nicht nur, dass die Klage der beiden Frauen auf maßloser Selbstüberschätzung ihres Bekanntheitsgrades beruht. Denn in sonst kaum einer Zeitung werden die Namen der beiden Frauen genannt. Immer nur ist von »der Ex-Freundin Maxim Billers und ihrer Mutter« die Rede. Viel nachdenklicher stimmt mich die Parenthese Mühlbauers, mit der er seine eigenen Aussage absichert: »im Hinblick auf die Anwälte der beiden Parteien vorsichtig formuliert«. Nicht nur die Freiheit der Kunst scheint mir da in Gefahr zu sein. Dass ein Roman verboten wird, weil die Protagonisten zu sehr der Realität entlehnt sind, wirft aber auch die Frage auf, was ein Roman-Autor überhaupt noch schreiben darf,
wie weit er die Realität reflektieren darf. Ist Maxim Biller's »Esra« – eine
tatsächliche Realitätsspiegelung unterstellt – so viel schlimmer als das, was
Bild-Zeitung und Konsorten alltäglich praktizieren? Die Realität nachzubilden und zu reflektieren jedenfalls, scheint ein gefährliches Spiel geworden zu sein.
Und so wird der Fall »Esra« zu einem ohrfeigendem Signal an alle Autoren und Verlage: »Schreibt ruhig Eure Romane.
Entlasst die Lektoren und engagiert lieber ein paar Anwälte, die jeden Satz
prüfen.« Natürlich ist Maxim Billers Roman »Esra« nicht im Entferntesten ein Sachbuch. Und natürlich hat sich Biller, wie so viele andere Autoren seit Jahrhunderten vor ihm auch, »von der Realität inspirieren lassen«, wie er in seiner Stellungnahmen für das Landgericht München zum Prozess um »Esra« schreibt. Und wohl kaum jemand kann ihm ernsthaft daraus einen Vorwurf machen, geschweige denn einen Strick drehen, zumal er an gleicher Stelle deutlich sagt: »Allerdings sind die Romanfiguren, die in Esra vorkommen, nicht die Portraits ihrer Urbilder [...]« »Zentrale Szenen des Romans wie das Abendessen bei Lale Schöttle (S. 101-106), der Besuch von Lale Schöttle und Esra Adrian im Museum der Nobelstiftung in Stockholm (S. 85 ff.), der große Streit zwischen Esra, Lale und Frido in der Türkei (S. 67 ff.), Adams Verfolgung von Thorben und Esra (S. 191-194), die Reise von Adam zu den Großeltern von Esra in die Türkei einschließlich deren Geständnisses, jüdisch zu sein (S. 194-206), Esras Traummonolog (S. 178-181), die Begegnungen von Adam und Esra mit Lale und Frido im Café Venezia (S. 182-185), das Aufeinandertreffen von Adam mit Esras gesamter Familie im Restaurant Tre Colone (S. 212 f.) – das alles und noch einiges mehr ist frei erfunden.« Maxim Biller: Stellungnahme zum Prozess um Esra Das letzte Wort um den Roman »Esra« ist noch nicht gesprochen. Kiepenheuer & Witsch-Geschäftsführer Helge Malchow und Rechtsanwalt Krüger haben bereits angekündigt, Revision gegen das skandalöse Münchener Urteil einzulegen. Bleibt zu hoffen, dass höhere Instanzen den künstlerischen Wert von Maxim Billers Roman »Esra« und das Recht der Menschheit einen solchen Roman käuflich erwerben und lesen zu dürfen, höher werten, als den verletzten Stolz zweier der breiten Leserschaft völlig unbekannten Frauen, die plötzlich nicht mehr damit klar kommen, einzelnen Elemente ihres Lebens in einem fiktionalem Roman verzerrt wiederzufinden. Und vielleicht verklagt Herr Biller sich eines Tages ja noch selber, weil er sich in seinem Buch wiedererkannt hat. Das wäre dann doch wirklich mal lustig. Maxim Biller - Esra bei amazon.de bestellen Weitere Rezensionen: –
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Short Info Maxim Biller 1960 in Prag geboren 1991 Buch "Die Tempojahre" 2001 Buch "Deutschbuch" 2003 Roman "Esra" ehemaliger Mitarbeiter des Zeitgeistmagazins "Tempo" |