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Chevalier, Tracy

Wenn Engel fallen

Roman, 384 Seiten

List Verlag, München, 2002

EUR 20,00; gebunden

ISBN: 3471772537

 

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litsal.de | Rezensionen | Tracy Chevalier – Wenn Engel fallen

 

Tracy Chevalier, Wenn Engel fallen

Von der Schönheit anglikanischer Friedhöfe

Tracy Chevalier – Wenn Engel fallenWer ihren zweiten Roman »Das Mädchen mit dem Perlenohrring« gelesen hat, wird maximale Erwartungen an ihren jetzt auf Deutsch erschienenen dritten Roman stellen – und nicht enttäuscht werden. Die englische Autorin Tracy Chevalier stellt mit »Wenn Engel fallen« erneut ihre Klasse unter Beweis.

London im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Queen Viktoria ist gestorben, das Land trägt Schwarz, alle Kirchen lassen nur die tiefen Glocken klingen und zwei junge Mädchen entdecken ihre gemeinsame Vorliebe für Friedhöfe. Maude Coleman und Lavinia Waterhouse tollen über die Gräber, zählen die steinernen Engel, atmen den morbiden Charme des Geländes mit ihren kindlichen Lungen und necken Simon, den ungebildeten aber hellwachen Sohn des Totengräbers. Die Gräber ihre Familien liegen nebeneinander; gelegentliche Kontakte sind unvermeidlich, erst recht, als die Waterhouses in die direkte Nachbarschaft der Colemans umziehen. Nachbarn im Leben wie im Tod! Die Freundschaft von Maude und Lavinia ist von Anfang an schicksalhaft, denn sie weckt das Missfallen ihrer beiden Familien, die auf unterschiedliche Arten in den starren Konventionen des viktorianischen Zeitalters verhaftet sind. Die Eltern des Einzelkindes Maude fühlen sich dem mondänen Bildungsbürgertum angehörig, Lavinias eher bodenständige, streng gläubige Eltern neiden Maudes Familie das größere Haus und die prächtigeren Empfänge. Maudes Mutter Kitty – todunglücklich nach einer hoffnungslosen und unheilvollen Affäre mit dem Friedhofsvorsteher des Stadtviertels – durchlebt radikale Veränderungen, als sie in einen Kreis gerät, der lautstark in den Straßen Londons ein Wahlrecht für Frauen fordert. Hiermit ist die Kulisse des Romans umrissen – der gesellschaftliche Wandel Englands vom Tode Queen Viktorias bis zum Aufkommen der Suffragetten – nicht aber das tatsächliche Thema: Hingebungsvoll widmet sich Tracy Chevalier den Entwicklungen ihrer Figuren. In wechselnden Ich-Perspektiven macht sie die fragilen Bande der beiden Familien deutlich und erzählt eine bewegende Geschichte vom Verlust der Kindheit, von der zerstörerischen Macht der Eitelkeit und den Bürden der Plakette. Zu wahren Höchstleistungen gelangt die Autorin vor allem bei den Perspektiven der Mädchen Maude und Lavinia. Beiden ist eine Mixtur aus Naivität, Ängstlichkeit und Altklugheit zueigen, die sie ungemein authentisch machen. Wie viele Schriftsteller haben wir schon an ihren kindlichen oder jugendlichen Figuren scheitern sehen? Tracy Chevalier umschifft die Klippen junger Charaktere spielerisch.

Dass bei der eher sparsamen Handlung ihres Romans trotzdem eine regelrechte Sogwirkung entsteht, verdankt sich einer klaren und einfühlsamen Sprache, bei der die Figuren gleichsam aus dem Text heraustreten, dem Leser beim Umblättern helfen, die Kissen aufschlagen, den Tee bereiten …

Eine zauberhafte Prosa.

Volker Maria Neumann

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Tracy Chevalier

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