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Wohlfahrt, Baumunk
Countdown läuft ... Sieben Hefte mit Zukunft
Roman, 335 Seiten
Eichborn AG, Frankfurt, 2000
EUR 25,90; gebunden
ISBN: 3821806826
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litsal.de | Rezensionen | Baumunk Wohlfahrt – Countdown läuft ... Sieben Hefte mit Zukunft
Baumunk Wohlfahrt, Countdown läuft ... Sieben Hefte mit Zukunft>
Siebenmal Gegenwart
In Zusammenarbeit mit der LiteraturWERKstatt Berlin und der Ausstellung »Sieben Hügel – Bilder und Zeichen des 21. Jahrhunderts« der Berliner Festspiele bringt der Eichborn Verlag ein ebenso ungewöhnliches wie interessantes Buch-Projekt auf den Markt: »Countdown läuft« versammelt sieben Sience-fiction-Erzählungen deutscher (Jung-)AutorInnen, die auf unterschiedliche Weisen literarische Lichter ins neuen Jahrhundert reißen.
So verschieden die Darstellungsarten zwischen Trash-, Wissenschafts- und Fantasieliteratur auch sein mögen, einige Aussichten teilen die sieben Literaten: Die Themen Gentechnologie, Bevölkerungsexplosion, globale Datenvernetzung, die Allgegenwart von Computern, Umweltzerstörung und schließlich die evolutionäre Notwendigkeit der Besiedlung anderer Planeten geistern durch alle Texte, mal unkenhaft, mal sarkastisch, meist fatalistisch und stets in der Geisteshaltung eines unguten Vorgefühls.
Die bekannteste der sieben AutorInnen, die Wienerin Marlene Streeruwitz, erzählt in »Dauerkleingartenverein ›Frohsinn‹« eine beklemmende Geschichte eines Überwachungstotalitarismus und der Unmöglichkeit, der zudringlichen Dienerhaltung von Computern zu entkommen. Die Protagonistin hat Probleme mit dem »Altruismusgen«, so dass sie der Funktionalität der Gemeinschaft zuwider wollen kann. Natürlich erinnert der Plot sehr an Huxley – ein gentechnologischer Unfall kreiert ein ganz und gar nicht vorgesehenes Individuum, das sich den Lebensumständen zu erwehren sucht. Marlene Streeruwitz ist sicher das Zugpferd der »Countdown läuft«-Edition, den stärksten Text aber hat nicht sie beigesteuert.
Den nämlich schrieb der Berliner Autor Michael Wildenhain mit »Wieland, der Meister oder Alle Schwäne sind weiß«. Auch hier ein Gejagter, auch hier ein bizarres Szenario in unferner Zukunft: Entlang der Autobahntrassen und Hochbahnstrecken bildeten sich mehr und mehr Barackensiedlungen, deren Einwohner Unglaubliches taten: Sie kappten ihre Internetzugänge, kündigten Telefonanschlüsse, sahen kaum noch fern und gebaren: Kinder! Ungeheuerlich. Man sah sich gezwungen, über die Klonierungs- und Transplantationsgesetze hinaus ein »Gesetz zur Akkumulation von Mobilitätspunkten« zu erlassen, um dem Aufstand entgegenzuschreiten. Doch etwas lief schief. Nun sucht man Wieland, einen Lyriker und genialischen Programmierer aus der Megapole Hannover/Hamm-Südwest (sic!), der mit seinen über 50 % Menschsubstanz kreativer Lösungen fähig scheint. Dela Leibniz, eine Agentin der FIRMA soll Wieland finden... Wildenhains beißender Spott, sein Ideenreichtum und die sprachliche Souveränität, mit der er seinen Stoff bearbeitet, bereiten ein Lesevergnügen erster Güte mit handfester Kritik an unserer heutigen Lebenswelt.
Auch Tobias O. Meißner hatte für seine Erzählung »Neverwake« eine gute Idee, die er im etwa nervigen aber angemessenen Sprachjargon der Compi-Kids und Game-Junks umzusetzen versteht: Der Held begibt sich für einen großen Computerkonzern in der Testphase eines neuen Spiels auf die Suche nach einem Vortester, der sich in eben diesem Spiel verirrt hat; sein Körper zuckt, sein Geist spielt ewig weiter und niemand weiß mehr, wo er ist.
Katrin Schmidt beschwört in »Sticky ends« den Umstand, dass auch genetische Rekombinationen zwischenmenschliche Probleme kaum lösen werden, Knut Stang beweist mit einem Großversuch das angeborene – und also zeitlose – menschliche Übervorteilungsverhalten.
Andreas Möhn schließlich entwirft in »Reiter des Mars« das wissenschaftlich realistische Bild der ersten menschlichen Mars-Station und mündet in ein Plädoyer für die bemannte Raumfahrt mit dem Ziel extra-terrestrischer Siedlungspolitik.
Einen der Texte habe ich nicht gelesen: Die Setzerin für Zoran Drvenkars »Die alte Stadt« durfte sich im Layout so austoben, dass das extravagante Schriftbild eine Lektüre ohne Kopfschmerzen verhindert. Dumme Sache, so was. Aber sechs Erzählungen reichen auch aus, um für die facettenreiche Innovation und literarische Kraft von »Countdown läuft« eingenommen zu sein.
Volker Maria Neumann
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