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Beigbeder, Frédéric

39,90. Neununddreißigneunzig

Roman, 271 Seiten

Rowohlt Verlag GmbH, Reinbeck, 2001

EUR 19,90; gebunden

ISBN: 3498006177

 

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litsal.de | Rezensionen | Frédéric Beigbeder – 39,90. Neununddreißigneunzig

 

Frédéric Beigbeder, 39,90. Neununddreißigneunzig

Wenn Werber gegen Werbung Werbung machen

Frédéric Beigbeder – 39,90. Neununddreißigneunzig Die erste Irritation erzeugt das Buch bereits mit dem Titel. 39,90 prangt da wie mit Fleischermeisters Pinsel neonmagentafarben draufgepinselt, doch nur 19,90 Euro ist der Verkaufspreis. Reduziert? Ein Ladenhüteraltergammelhut also?

Nicht ganz. Beigbeders 2001 erschienenes Buch löste eine heftige Debatte in Frankreich aus und kletterte in den Bestsellerlisten auf die vordersten Plätze. In Deutschland war sein Erfolg nicht ganz so strahlend. Das liegt auch daran, dass sich der vormalige Werbetexter bei Young & Rubicam in Frankreich selbst einfach besser – medienwirksamer – zu präsentieren vermag, als hier. Vor allem aber lag es wohl auch daran, dass es zu 39,90 nur wenige wohlmeinende Rezensionen in Deutschland gab. 39,90 ist in der deutschen Literaturkritik – kurz gesagt – schlichtweg durchgefallen. Warum?

Die Geschichte des Buches ist schnell erzählt: Der Top-Werbetexter Octave ist angeekelt von seiner Branche und will nun mit einem Enthüllungsbuch seinen Rauswurf provozieren. Doch man entlässt ihn nicht, weil er zu gut ist. Letztlich landet er nach zahlreichen Drogenexzessen, Realitätsverlust, Welthass und einem gemeinschaftlich begangenen Mord an einer reichen Amerikanerin im Gefängnis. Verhaftet und abgeführt mitten auf einer Preisverleihung für die Madone-Joghurt-Spots. Madone? Da klingelt es doch. Aber natürlich: Danone. Joghurts. Evian. Großkonzern. Kommt sehr schlecht weg bei Beigbeder. Die Agentur kommt auch nicht besser weg. Und wenn Frédéric Beigbeder seinen Octave dann auch noch auf den ersten Seiten verkünden lässt, dieses Buch geschrieben zu haben, um gefeuert zu werden – nun, dann ist der Schritt zu Realität nicht mehr weit: Young & Rubicam kündigte Beigbeder kurz nach Erscheinen des Buches den Job. Begründung: »Schweres Fehlverhalten«.

Beigbeder hat's gerne heftig

Frédérick BeigbederIch, Du, er, wir, ihr, sie. Das ist die Reihenfolge der Perspektiven, aus denen Beigbeder erzählt. Beigbeder erzählt erstaunlich frisch, poppig, fast mag man sagen: grell. Vor allem erzählt er schnell. So entsteht beim Lesen von 39,90 der Eindruck, über 270 Seiten nicht nur einen Roman über Beigbeders bunte Welt der Werber zu lesen, sondern einen Werbetext eines Werbetexters gegen die Werbung. Und wenn also ein Werbetexter einen Werbetext gegen die Werbung schreibt, mag das schon paradox erscheinen.

Und vermutlich liegt genau hier auch der entscheidende Fehler an der Grundkonstruktion von 39,90. Der am 21. September 1965 in Neuilly-sur-Seine geborene Beigbeder war Werbetexter und das merkt man seinem Buch vom ersten bis zum letzten Satz an. Beigbeders Wortschatz mag dem geneigten Leser höllische Satz-Explosionen zu bescheren, eindringlich versucht er dem Leser Sätze ins Hirn zu meißeln, die wie Werbebotschaften hängen bleiben mögen oder auch nicht. Beigbeder beschreibt den Werbe- und Marketing-Wahnsinn, den er ja zu kritisieren vorgibt, in eben einer Werbesprache. Und dass versaut ihm die Wirkung des Buches, die er vermutlich wollte. Hätte er seinen Octave doch bloß nicht so einen nervigen, unsympathischen Protagonisten sein lassen, der den Leser mit seinen Exzessen und sprachlichen Eskapaden eher nervt als überzeugt! Hätte Beigbeder doch seinem Octave wenigsten etwas mehr Persönlichkeit eingehaucht, ihm ein paar mehr sympathische Anker verliehen, an denen der Leser sich hätte freundschaftlich festhalten können. Aber vielleicht wollte der Autor hier auch Distanz zwischen Leser und Protagonist schaffen. Fast scheint es, als findet Beigbeder seinen Octave heimlich irgendwie ganz cool, sympathisiert mit ihm und mag nur nicht ganz Partei für ihn zu ergreifen. Fast so, als wäre ihm das selbst ein wenig peinlich. So mag man Octave mal enthusiastisch zustimmen, um etwas später wieder fassungs- und verständnislos vor seiner Handlung zu stehen. Aber irgendwie mag der Beigbeder seinen Octave dann doch nicht, und darum stirbt der auch am Ende. Anders mag man es fast nicht erklären. Jede Revolution braucht ihre Helden. Octave würde nicht taugen. Und genau das hätte er aber müssen, wenn er als Protagonist eine neue Konsum-Diskussion oder Fachdiskussion über Werbung hätte anregen sollen. Aber vielleicht kommt es Beigbeder darauf ja gar nicht an?

Beigbeder ist hier vielleicht Opfer seiner eigenen Betriebsblindheit geworden und wollte es allen recht machen. So ist das ganze mal Roman, mal Pamphlet, mal ein einziges J'accuse. Er jongliert wie wild mit Perspektiven (wobei dann auch schon mal die Konsequenz flöten geht); schreibt bunt, dynamisch, frisch und laut. Beigbeder schreit. Beigbeder wütet. In der Sprache – wie kaum ein anderer.

Rebell Beigbeder?

Doch bei allem Welthass und bei aller Kritik an der Konsumwelt, die der Autor einem hier um die Ohren haut, bleibt das Gefühl zurück, dass Beigbeder es nicht wirklich ernst meint. Und deshalb kann ich dem Buch auch die Intention, kritisch zu sein, leider nicht abnehmen. Frédéric Beigbeder kennt das Geschäft. Vor »39,90« hat er bereits vier Bücher geschrieben und auch in TV und Radio ist Beigbeder als Literatur-Kritiker allgegenwärtig. Er weiß, wie man provoziert. Beigbeder ist ein Medienmensch. Beigbeder – ein Medienhype? Oder doch ein Wolf im Schafspelz? »Diese Dandys verkörpern für mich das Schlimmste, was die Pariser Bourgeoisie in Sachen Talent hervorbringt, verdorben von Zynismus, von Vereinnahmung durch das System, von Schund, Sadismus, Perversion, vorgetäuschter Uninteressiertheit, Arroganz und am Ende wirklicher Verachtung für die unwissende Masse« – so Emmanuel Poncent von der Zeitung »Libération« (»Warum ich Beigbeder nicht interviewt habe«). Als eine goldenen Regel für Werber formuliert Beigbeder: »Behandelt die Leute nicht wie Vollidioten, aber vergesst nicht, dass sie Vollidioten sind.« Kein Wunder, dass Octave ein einsamer Held ist.

»Die Welt ist irreal, außer wenn sie zum Kotzen ist.«

Der Originaltitel »99 Francs« war in Frankreich übrigens auch gleich der Verkaufspreis. Somit war der Preis der Titel, der Titel der Preis. Erwähnenswert ist noch, dass die Neuauflage des Verlags Grasset vom Januar 2002 in Frankreich heute nicht mehr den Titel »99 Francs« trägt, sondern »14,99 €« – ebenfalls der Verkaufspreis. Dass Rowohlt mit der Euro-Umstellung den Titel nicht auf »19,90« geändert hat, so wie es der französische Mutterverlag Beigbeders vorgemacht hat, ist eine Unaufmerksamkeit des Verlags. Die Wechselwirkung von Titel und Preis provoziert genau jenes Spiel mit der Aufmerksamkeit, dass den großen Reiz dieses Buches ausmacht. »39,90« suggeriert nun einen doppelt so hohen Preis. Oder anders betrachtet: Das Buch ist nur halb so teuer wie es sein will. Böswillige könnten sich gar zu der Vermutung hinreißen lassen: »Mehr Schein als Sein.« Dass ausgerechnet der so aufmerksamkeitsstarke Beigbeder Opfer einer solchen Unachtsamkeit seines deutschen Verlages wurde, vermag zu amüsieren. Kaufen und Kassenbon dazu aufbewahren.

Dennoch, das Buch bereitete mir viel Spaß und einige köstliche Amüsements. Denn Lesen lässt sich der Beigbeder leider verdammt gut.

Stefan Gentz

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Frédéric Beigbeder

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