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Bessing, Joachim

WIR MASCHINE

Roman, 205 Seiten

DVA - Deutsche Verlags-Anstalt GmbH, München, 2001

EUR 9,90; gebunden

ISBN: 3421052980

 

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litsal.de | Rezensionen | Joachim Bessing – WIR MASCHINE

 

Joachim Bessing, WIR MASCHINE

Irony is over?

Joachim Bessing – WIR MASCHINE Was soll man nur von diesem Buch halten. Natürlich, zuerst denkt man an Beigbeder. An 39,90. Und an Pop-Literatur. An Ironie Is Over und Tristess Royal. Und das Schlimme ist, von all dem hat die "Wir Maschine" etwas.

Nur was, was, fragt man sich, was will Bessing uns denn nun sagen? Warum hat er dieses Buch geschrieben? Will er uns von der Oberflächlichkeit dekandenter Werber erzählen, die ihrem Image als drogenabhängige, emotionslose, erkaltete Maschinen ihrem vorzeitigen Ende entgegenvegitieren? Schwer zu glauben. Das hatten wir ja alles schon monatlich in Tempo und Max. Und spätestens mit Beigbeders 39,90 als finales Fanfarium manifestiert. Das Thema ist so "over", das ein Buch darüber zu schreiben wohl kaum noch lohnt. Und eines Bessings wohl auch unangemessen. Da erwartet man doch mehr.

Gumbo ist nicht wirklich interessant. Ein Looser auf der ganzen Linie. Und alle um ihn herum sind eigentlich nicht besser. Alles Looser. Und das führt Bessing auch detailliert aus. Aber den faschistisch-fatalistischen Gedanken dieser zutiefst langweiligen Protagonisten zu lauschen – nun, man kann die Freizeit besser verbringen. Und Bernd? Tja Bernd ist eigentlich der einzige Lichtblick in diesem bunten Portfolio von Loosern. Bei Bernd denke ich sofort an Tyler Durdon, an Fight Club. Wahrscheinlich hat Bessing 39,90 gelesen und danach Fight Club. Und weil er beides so toll fand, hat er schnell doch den Bernd eingeführt und dieses Buch geschrieben.

Das wohl eigentlich irritierende an "Wir Maschine" ist aber wohl Folgendes: Bessing lässt Drogen konsumieren und rauscht mit seiner Protagonisten Köpfe gegen Ende in psychedelische gewalt-orgiastische Endzeitphantasien. Aber schreibt in einer Sprache, als würde er in einem Herrenzimmer neben dem Kamin vor seinem Laptop sitzen und dabei in seinen Lounge Chair furzen. Das kann man mögen und als Antagonismus spannnend finden. Vielleicht sollte man das auch, denn Spannung gibt es sonst in diesem Buch nicht gerade im Übermaß. Einzig die psychedlische Gewaltorgie gegen Ende mag vielleicht noch aufhorchen lassen.
Wenn es nur eben nicht alles so an Beigbeder erinnern würde. Nur das Beigbeder eben angemessen schreibt. Beigbeder lässt es inhaltlich so richtg knallen und schreibt auch so. Jeder Satz ein Claim, ein bonbonfarbener Werbetext gegen Werber. Bessing scheppert inhaltlich und schreibt gemütlich.

Eine Lesung von Bessing müsste angemessenemaßen wohl im Adlon in schweren grünen, englischen Sesseln stattfinden – in zigarrenschwerer Luft. Man stelle sich das einmal so vor: Bessing sitzt in seinem rosafarbenen Pullover tief eingesunken in einem Ohrensessel, das Kaminfeuer knistert und eine aufmerksame Zuhörerschaft, gekleidet in Helmut Lang lauscht ihm. Alle paar Seiten zieht mal einer eine Line, Kracht zieht Vergleiche zwischen Bessing und der iranischen Revolution und italienischem, handgemachtem Schuhwerk, während Nickel die Vorzüge der schweren Ohrensessel lobt und Stuckrad-Barre zuflüstert, dass er endlich settlen will und seinen Acker zu bestellen gedenkt. Bessing liest dann mit gedämpfter Stimme vor, wie eine Junkie-Anlaufstelle der Hamburger Stadt in die Luft fliegt, Gumbo kotzt und sich mit einem Glasdildo von Stella in den Hintern ficken lässt (Seite 86). Das findet er dann toll, der Irony Is Over Club und bestellt noch eine Runde Absinth, schnupft noch etwas, raucht Marlboro Menthol, spuckt aus dem Fenster dem Pöbel auf den Kopf und veranstaltet eine kleine Demonstration gegen die Oberflächlichkeit.

Tja nun wissen Sie zwar immer noch nicht, wovon die "Wir Maschine" eigentlich handelt – was aber eben auch eigentlich nicht weiter erwähnenswert ist. Aber Sie wissen nun, wie sie sich anfühlt. Auf ironische Weise schlecht.

Klingt zu böse? Nicht ganz. Denn vielleicht macht die "Wir Maschine" doch irgendwie Lust auf mehr Bessing. Setz Dich in einen englischen, grünen Ohrensessel aus Leder, lieber Bessing. Mach das Kaminfeuer an. Trink einen Absinth. Klappe zärtlich Dein Laptop auf. Wische mit einem guten Stofftaschentuch über das Display und beginne erneut. Schreib ein neues Buch, vielleicht über München oder schließ Dich der nächsten Weltreise von Kracht un Nickel an. Formuliere Deine Sätze auch weiter so wie bisher. Aber schreib verdammt noch mal über ein anderes Thema. Dann werde ich in meinem kleinen Altar eine Ecke für Dich freiräumen und eine von kleinen asiatischen Kinderhänden handgemachte Kerze anzünden und dem verzweifelten Gumbo gedenken.

Stefan Gentz

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