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Stuckrad-Barre, Benjamin von

Deutsches Theater

Roman, 284 Seiten

Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2001

EUR 12,90; Softcover

ISBN: 3462030507

 

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litsal.de | Rezensionen | Benjamin von Stuckrad-Barre – Deutsches Theater

 

Benjamin von Stuckrad-Barre, Deutsches Theater

Deutsches Theater

Benjamin von Stuckrad-Barre – Deutsches Theater Also, es fing damit an, dass ich auf einer Party in der Küche stand. So eine richtige Party mit Studenten und Flaschenbier und Chili con Carne und Baguettstangen. In irgendeiner Studenten-WG. Die Küche war wie immer zentrale Sammelstelle aller redseligen Leute, die nicht vor den Boxen im Wohnzimmer einen Hörschaden bekommen wollten und die die Nähe zu Faß/Kühlschrank schätzen. Und wissen Sie was? Da redeten sich gerade zwei Mädchen und ein Junge ihre Köpfe heiß. Der Junge schimpfte böse über Stuckrad-Barre. Der kann doch nix. Der ist doch voll arrogant. Das ist doch ne Lästerzicke. Die Mädels schimpften böse mit dem Jungen – ihr »Benni« oder »Stucki« hat wie kaum ein anderer (junger) deutscher Autor einen große Popularität und hohes Polarisierungspotenzial. Doch dazu später mehr.

»Der Herr Stuckrad-Barre nun also schon wieder«, dachte ich Ende 2001, als »Deutsches Theater« erschien. Hält einen ja wirklich in Atem der Mann. Jedes Jahr ein Buch. »Deutsches Theater« heißt das neue. Um es nicht so spannend zu machen: Die »Benni« und »Stucki«-Fans werden zunächst mal etwas enttäuscht sein. Denn »Deutsches Theater« ist etwas ganz anderes, als das, was Stuckrad-Barre bisher in Buchform publiziert hat.

War »Soloalbum« noch als Roman angelegt, war »Livealbum« bereits mehr eine lange Reportage und bei »Remix« und »Blackbox« hatte Stuckrad-Barre sich bereits vom Romaneschreiben verabschiedet. Einen Romanautor kann man Benjamin von Stuckrad-Barre heute eigentlich fast nicht mehr nennen. Eine Zeit lang war Stuckrad-Barre nun im Auftrag verschiedener Zeitungen unterwegs im Land der Dichter und Denker und blickte in das alltägliche »Deutsche Theater«. Da arbeitet er als Fischverkäufer verkleidet bei Gosch auf Sylt. Oder läuft als überlebensgroßes Handy für eine Promotion-Firma durchs Berliner Olympiastadion.

Die Idee, eine Momentaufnahme der deutschen Gesellschaft festzuhalten, ist natürlich nicht wirklich neu. Das ganze »Deutsches Theater« zu nennen ist zumindest kühn, es im Deutschen Theater in Berlin »uraufzuführen« hat Witz. Und es ist eben kein Roman, den man unbedingt von Anfang bis Ende lesen muss. Es ist so ein bisschen ein Buch für Sonntage, an denen man sonst eigentlich das Feuilleton lesen würde. »Deutsches Theater« ist ein Blätterband, in den man immer mal wieder reinschauen kann. Um zum Beispiel die bezaubernde Geschichte »Klaus Peymann kauft sich keine Hose, geht aber mit essen« zu lesen. Christoph Schlingensief, den alten Schlingel, mag man mögen oder nicht – Stuckrad-Barre mag ihn offensichtlich. Und darum gehört sein Text über Schlingensief neben dem wunderbaren Manfred Krug Portrait auch zu den bessten Texten, die er auf seiner Bühne, der »Stuckrad-Barre on Tour«, darbietet. Der Rest-Pop ist eigentlich nur noch eine kleine Attitüde. »Deutsches Theater« hat mit Pop nicht mehr viel zu tun. Nur auf seinen Lesungen lässt der 28jährige Autor es gerne nochmal richtig poppen. Aber das ist eben Entertainment. Mindert das den Wert des Buches? Wohl kaum.

Stuckrad-Barre hat einen wunderbaren Blick fürs Detail und kommentiert scharfzüngig. Und wenn er seine selbstdarstellerischen Posen als Autor etwas zurücknimmt, fährt er sogar zu neuer Hochform auf. Der Besuch bei Helmut Karasek ist ebenso amüsant zu lesen, wie man ihn fast sensibel nennen möchte. »Deutsches Theater« ist sicherlich Stuckrad-Barres bestes und erwachsenstes Buch bisher.

Stuckrad-Barre zeigt, dass er mehr kann als das Single-Studenten-Liebes-Leben auseinanderzunehmen. Insgesamt fehlt dem »Deutschen Theater« allerdings etwas der Biss. Was vielleicht an der Zusammenstellung der Themen liegt, vielleicht an der etwas ruhiger gewordenen Sprache des Autors. Einiges ist Weichspül. An anderer Stelle liest man einen sozialkritischen Stuckrad-Barre. Gewissermaßen ein Spagat. Und deswegen hat der Autor hier die Chance versäumt, sein hohes, und da haben wir es wieder, Polarisierungspotenzial zu nutzen, um ein wirklich zeitkritisches Werk zusammenzustellen. Damit will ich gar nicht das Buch an sich abwerten. Es ist, so wie es ist, durchaus richtig rund. Aber vielleicht wäre es eine gute Idee, wenn Herr Stuckrad-Barre sich »seiner gewachsenen Rolle in der Gesellschaft« besser bewusst, und insgesamt kritischer werden würde.

Bleibt zu hoffen, dass Stuckrad-Barres große Fan-Gemeinde sich ebenfalls weiterentwickelt hat und »Deutsches Theater« annimmt. Dem Buch wäre es zu wünschen. Dem Autor ja sowieso.

Stefan Gentz

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Soloalbum

 

 

   

Short Info

Benjamin von Stuckrad-Barre

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