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litsal.de bookinfo Stuckrad-Barre, Benjamin von Soloalbum Roman, 244 Seiten Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1999 EUR 8,64; Taschenbuch ISBN: 3462027697
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litsal.de | Rezensionen | Benjamin von Stuckrad-Barre – Soloalbum
Benjamin von Stuckrad-Barre, Soloalbum Soloalbum
Vorweg: Wenn Robbie Williams auf die Bühne tritt, singt er »Let me entertain you!«. Williams begreift sich durchaus als Künstler. Und er sieht sich verpflichtet, sein Publikum zu unterhalten. Wenn Benjamin von Stuckrad-Barre bei einer Lesung auf die Bühne tritt, ist er genau das auch: Entertainer. Schreibender Entertainer. Und aus diesem Blickwinkel sollte man auch seinen Erstling »Soloalbum« betrachten. Ebenso wie der deutsche Kinofilm muss sich auch die deutsche Literatur im Ganzen den Vorwurf machen lassen, wenig amüsant, schwer zu lesen und von einer depressiven Grundhaltung geprägt zu sein. In Ansätzen ist dies auch in »Soloalbum« noch zu finden. Eine gewisse (zumindest) melancholische Grundstimmung ist auch hier durchgängig, was sicherlich auch im Grundthema (das von-der-Freundin-verlassen-werden) begründet ist. Doch Stuckrad-Barre gelingt hier ein Quantensprung in der deutschen Literatur. Plagiatvorwürfe gehen dabei klar ins Leere: Die oft bemühten »High Fidelity« von Hornby und Krachts »Faserland« oder gar Salingers »Fänger im Roggen« dienten dem Autor vielleicht als Inspiration. Ein Plagiat ist es deshalb aber noch lange nicht, und sollte eher als bereicherndes Buch in diesem Genre angesehen werden. »Soloalbum« erzählt keine Geschichte. Gut, es gibt da so etwas wie eine Handlung. Ein Twenty-Something, von der Freundin verlassen, weil er fremd gegangen ist, leidet sich detailliert durch die einzelnen Phasen von Verarbeitung und Selbstklärung einer Trauerphase bis hin zum Neuanfang. Ende der Geschichte. Vergessen Sie es also. In »Soloalbum« von Benjamin von Stuckrad-Barre geht es vor allem um die Beobachtung von Gefühlswelten, der Gesellschaft und dem viel bemühtem »Lebensgefühl« einer Generation. Und darauf versteht sich Stuckrad-Barre eben hervorragend: Das Beobachten. Seit Krachts Faserland hat es keinen Autor mehr gegeben, der einen solchen Querschnitt durch die Generation der Twenty-Somethings macht und ihre Lebensgewohnheiten, Gefühle und Meinungen mit solcher Detailwut dokumentiert, sarkastisch kommentiert und dabei trotzt aller Kritik nie den (schwarzen) Humor verliert. Illies »Generation Golf« darf hierbei nicht mit genannt werden, und richtiger Weise wird es auch als Sachbuch gelistet und nicht als Roman. Auch das ist Pop. Dass Benjamin von Stuckrad-Barre permanent Partei ergreift und Kritik an den Verhältnissen übt, ist jedoch mehr als nur eine Laune des Autors. Der Vorwurf darf nicht sein, den Roman als Deckmantel für ein Pamphlet genommen zu haben. Vielmehr ist hier eine neue Form im Entstehen, die eine deutliche Weiterentwicklung aufzeigt: Für ein Buch werden die klassischen Elemente eines Romans aufgegriffen und um die Komponenten Pamphlet und Entertainment ergänzt. Doch statt eines klassischen – »haptischen« – Handlungserleben beschränkt es sich hier auf den (sich selbst und andere) beobachtenden Ich-Erzähler. In weiten Strecken und hauptsächlich ist es Beobachtung und innerer Monolog, die hier so zynisch und journalistisch präsentiert. Dass diese Erzählweise teilweise fast essayistisch wird, verstärkt den Effekt. Sicherlich spielen hier Stuckrad-Barres Erfahrungen als Gag-Schreiber bei Harald Schmidt mit rein und so zündet er denn auch eine Gag-Rakete nach der anderen. Manchmal gelingt ihm das nicht – der Naja-Effekt –, aber grundsätzlich ist Stuckrad-Barre schon ein richtig bissig-böser Autor. Und deshalb macht er Spaß. Spaß macht Soloalbum auch, weil es in medias res eine Bestandsaufnahme macht, einen Snapshot. Spaß macht es auch, weil der Autor eine klare, frische, poppige Sprache hat. Weil er allein durch geschickten Satzbau Schmunzler zu erzeugen weiß. Weil Gags bei ihm allein schon durch die Wahl eines Wortes entstehen. Weil er sich einfach darauf versteht, Sprache nicht nur als Kunstprodukt zu begreifen, sondern als Kommunikationsmittel zu benutzten. Geschriebene Sprache ist Werkzeug, dass benutzt werden will, Das Buch soll den Rezipienten unterhalten. Und der Autor will sicher sein, dass er im Kopf des Lesers genau das erzeugt, was er sich vorstellt. »Soloalbum« gelingt es, beim Leser einen »Film« zu erzeugen, obwohl kaum eine Handlung erzählt wird. Die »haptische« Handlung findet in der Phantasie des Lesers statt. Der Ich-Erzähler ist dem Leser am Ende des Buches eben deshalb so vertraut, bekannt, weil er so genau in der ganzen Bandbreite an Themen erklärt wird, statt dass mit Handlung »Zeit verschwendet« wird. Denn Zeit hat der Autor nicht. Stuckrad-Barres schnelle, onomatopoetische Sprache ist derart driven, dass man manchmal froh ist, wenn ein Kapitel zu Ende ist – dann kann man endlich mal Luft holen – von der schnellen Sprache, von den Knalleffekten und von den inhaltlichen Ungeheuerlichkeiten, die der Autor einem da mal einfach so, manchmal ganz salopp, vor die Füße wirft. So macht »Soloalbum« dann allerdings – und das dann doch ein Vorwurf – einen etwas zusammen gewürfelten Eindruck. Aber es ist ja eben ein Soloalbum und kein Konzeptalbum. So entsteht letztlich doch ein Roman mit hohem Impact, der als begrüßenswerter Wachmacher in der bis dahin sehr verstaubten deutschen Literatur gesehen werden sollte. Die deutsche Literatur-Kritik sollte sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, eine neue, eine große, Umwälzung bei den Autoren zu übersehen. Es scheint einen deutlichen Trend zu geben weg vom großen Handlungsroman hin zum Themenroman. Die Literatur wird als Meinungs-, Stimmungs-, und vielleicht sogar soziologisches Experiment und Barometer definiert. Statt um eine spannende Handlung geht es um spannende Sichtweisen, Denkstrukturen, Atmosphäre und Lebensgefühl. Krachts »Faserland« und Stuckrad-Barres »Soloalbum« stellen den Beginn einer neuen, spannenden, deutschen Literatur dar, die hoffentlich in den nächsten Jahren viele heiß diskutierte Bücher auf den Mark werfen wird. Hoffentlich begreift die junge Autoren-Szene die Chance nicht falsch und reitet ausschließlich nur noch auf der Label-Schiene. Benjamin von Stuckrad-Barre - Soloalbum bei amazon.de bestellen Weitere Rezensionen:
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