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Jenny, Zoë
Ein schnelles Leben
Roman, 164 Seiten
Aufbau-Verlagsgruppe, Berlin, 2002
EUR 17,50; gebunden
ISBN: 3351029519
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litsal.de | Rezensionen | Zoë Jenny – Ein schnelles Leben
Zoë Jenny, Ein schnelles Leben
Eine schnelle Lektüre …
Zoë Jenny drittes Werk. Die Autorin versucht, das Romeo-und-Julia-Motiv in den modernen Plattenbau samt Türken und Nazis zu versetzen. Ob ihr das gelingen konnte?
Irgendwann vor knapp zwei Jahren rief mich der Ruf des Muschelhorns in die Buchhandlung und hielt mich dann auch eine Nacht lang noch wach. Das Blütenstaubzimmer – nun, ich möchte es vorsichtig so ausdrücken: Ich habe es überlebt. Vielleicht hatte ich mir auch nur nach dem Muschelhorn nicht genug Zeit – Pause – gelassen gehabt. Erschienen sind die Bücher in der umgekehrten Reihenfolge. Das war alles in allem noch ganz nett. Aber was sich Frau Jenny bei diesem dünnen Bändchen gedacht hat, ist mir völlig unverständlich. Ich legte das dünne Bändchen immer wieder weg, musste mehrfach neu anfangen, musste es mehrfach immer wieder weglegen. Und nur weil ich mich so über diese unertäglichen ersten 100 Seiten geärgert habe, habe ich mich jetzt überhaupt doch noch zu den restlichen 69 durchringen können. Geändert hat das nichts.
Fräulein Jennys Gespür für Kitsch
Was Zoë Jenny hier fabriziert hat ist unertäglichster Kitsch. Gut gemeint sicher, vielleicht sogar mit sozialkritischer Absicht. Doch der der Versuch, das Romeo-und-Julia-Motiv in einen Türken-Skinhead-Konflikt zu transferieren, geht inhaltlich und sprachlich völlig in die Hose. Doch nicht nur, dass Jennys schon im Muschelhorn ausgelebter Hang zu historischen Motivvorlagen auch dieses dünne Bändchen im Glaushaus der Mädchenphantasien beläßt. Nein, es soll auch noch partout ein literarisch anspruchsvolles Werk sein. Und darum hat Frau Jenny so lange an jedem einzelnem Satz rumgeschraubt, bis nichts mehr von dem übrig war, was vielleicht ein guter, konstruktiver Roman hätte werden können. Die geschraubte Sprache geht nach ein paar Seiten ebenso unerträglich an die Nerven wie die verkramften, realitätsfernen Versuche, Jugendsprachlichkeit abzubilden. Vielleicht hätte Zoë Jenny ihr dünnes Bändchen nicht im »hellsten Zimmer« im Hotel »Drei Könige« in Basel schreiben sollen, wie man ihren Danksagungen am Ende entnehmen darf, sondern lieber in einem dunklem Berlin-Kreuzberger Hinterhof. Und vielleicht hätte sie weniger mit dem unbekanntem Kellner im »Manzini« flirten, sich auf ein paar »Bellini« weniger einladen lassen sollen. Und stattdessen lieber mal in die Realität geschaut. Wenn man sozialkritisch sein will, sollte man sich auch mit den realen Zuständen beschäftigen. Und so bleibt dann auch von dem Sprengstoff des Romea-und-Julia-Motivs nur ein klägliches Häufchen nasses Pulver übrig. Die Geschichte der 16-jährigen Türkin Ayse, die sich in den deutschen Jungen Christian verliebt, der aber natürlich mit dem rechtsradikalen Skinhead befreundet ist, trieft ebenso vor pathetischem Schicksalsklagen, wie sie abgelutscht und unausgereift ist. Sollte irgendjemand eines Tages auf die Idee kommen, dieses dünne Bändchen zu verfilmen, könnten dies die Reporter der RTL-Magazine sicherlich am Besten. Eine Photo-Love-Story in der Bravo erfüllte den gleichen Zweck. Ja, jetzt lachen Sie noch. Aber lesen Sie mal diese dünne Bändchen. Es ist in der Tat so schlimm. Es ist genau so klischeebeladen, lächerlich und pubertär wie einfach gestrickt. Wer diesem in den Sozialwissenschaften bereits ausführlichst behandeltem Thema mit einem Roman begegnen will, sollte dafür bessere Mittel wählen, als dies Frau Jenny tut. Die SPD warb mal mit dem Spruch »Die CDU ist nicht unnütz. Sie dient uns immerhin als schlechtes Beispiel.« So gesehen sollten Sie dieses dünne Bändchen vielleicht doch mal lesen.
Und wäre dieses ganze inhaltliche Desaster nicht so traurig, könnte man fast lachen und Frau Jenny damit retten, sie hätte das als ironische Geschichte gemeint. Aber das eigentliche Problem ist Zoë Jennys Eitelkeit. Und paart sich diese mit dem Zwang, gegen den Vorwurf der literarischen Minderwertigkeit, der ihr nicht erst seit dem dem Ruf des Muschelhorns aus der Kritik entgegenschallt, ankämpfen zu müssen, nun, dann kommt sowas bei raus. Zoë Jenny will unbedingt total schön schreiben. Künstlerisch wervoll soll es sein, und wär sie Musikerin, würde sie das vielleicht klassisches Songwriting nennen, und bestimmt interessierten sie Moden nicht - diese Schiene.
Sie schwieg. Die Sonne zerbrach im Wasser in tausend Stücke, die sich spiegelten, ein Teppich aus Glas.
»Ich werde eine Reise machen«, sagte er. »Ich weiß noch nicht, wohin und wann ich zurückkommen werde.«
Das liegt mir auch am Heiligabend schwer verdaulicher im Magen als die Weihnachtsgans, die Mutter letztes Jahr dampfend auf den Tisch stellte. Auch wenn es dort nicht vor »entteuschtem Schweigen, dass immer härter wird« wimmelte.
»statt dessen kehrte Ayse den Gästen angewiedert den Rücken, schlüpfte unter die Weide und setzte sich auf die kleine Steinbank.«
Und das Schlimme ist: So geht das die ganze Zeit. Es klingt alles so, als wären die letzten 50 Jahre Sprachentwicklung in der Literatur völlig an Frau Jenny vorbeigegangen. So schreiben 14jährige Mädchen in ihr Tagebuch.
Zudem bleiben die Charactere blaß und unausgearbeitet. Ihnen fehlt jede Substanz. Ebenso oberflächlich und lieblos, wie sie den Handlungsstrang der Autorin abarbeiten, bleiben sie auch in ihrer Sprache starr, schematisch, uninspriert und wenig spannend.
Alles in allem also ein ebenso wenig gelunges wie dünnes Bändchen. Ich finde es schlichtweg unlesbar.
Was bleibt zu sagen? Hart sind die Lektionen eines Autors auf dem Weg zu der historischen Bedeutung eines Shakespeares. Ein Autor mit dieser Größe hätte Ein schnelles Leben lieber im Stapel Schönschriftübungen gelassen. Und unter dem Mantel der Veschwiegenheit es am Ende in den lodernden Kamin geworfen. Auf dass es niemals jemand zu Lesen bekäme.
Stefan Gentz
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Zoë Jenny
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