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litsal.de bookinfo
Kracht, Christian
1979
Roman, 183 Seiten
Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2001
EUR 17,90; gebunden
ISBN: 3462030248
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litsal.de | Rezensionen | Christian Kracht – 1979
Christian Kracht, 1979>
Halleluja Hölle …
Sechs Jahre nach »Faserland« meldete sich Christian Kracht wieder mit einem Roman zu Wort. Die Reaktionen auf den Roman waren so zwiegespalten, wie es bei Kracht zu erwarten war.
Wer Krachts Werk kennt, konnte sich denken, dass die Themen Reise und der Blick in ferne Welten auch in seinem neuen Roman von Bedeutung sein würden. Und dass er auch irgendwas mit dem Style-Thema machen würde auch. Wie schon in Faserland lässt der 1966 in der Schweiz geborene Salem-Schüler Kracht seinen Ich-Erzähler auf Reise durchs Land ziehen. Auch hier erträgt der Ich-Erzähler unangenehme Begegnungen, durchleidet unschöne Orte. In Faserland lässt sich der Ich-Erzähler am Ende in der Kälte zur Mitte des Sees rudern. In »1979« findet er Läuterung im Ertragen unvorstellbarer Qualen im chinesischem Umerziehungslager. Krachts Roman-Ich-Erzähler sind bisweilen schon traurige Charakter. Und dennoch folgt man Ihnen gerne durchs Land, bestaunt Ihre Detailwut im Blick, denkt über ihre Worte nach und ist bisweilen von Ihrer Naivität und Einfachheit irritiert. Wie schon in Faserland kann man sich auch in »1979« nicht der Anziehungskraft des Ich-Erzählers entziehen. Das liegt zu Allererst an Krachts wunderbarem Stil. Nonchalant swingt er zwischen Melancholie, Naivität und snobistischer Arroganz, zurückhaltender Einfachheit und Klarheit. Und bisweilen schert er in eine gewisse schwule Wärme aus. »1979« schmeckt manchmal wie ein klarer Weißwein, meist aber mehr wie ein schwerer, geheimnisvoller Bordeaux.
Irony is over?
Und immer blitzt irgendwo ein Augenzwinkern des Autors in einzelnen kleinen Formulierungen durch - und sei es nur durch den Satzbau. Ein Augenzwinkern, das zu sagen scheint: Lest nur aufmerksam. Und nehmt nicht alles ganz so ernst. Kracht ist nicht nur ein großartiger, feinfühliger und feinsinniger Erzähler, er kann auch mit der Sprache umgehen wie kaum ein anderer der jungen deutschen Erzähler derzeit. Man muss ihn nur aufmerksam lesen. Doch mit Ironie hat er nicht viel am Hut, der Herr Kracht. Sagt er. Er schreibe nicht mit diesem Stilmittel, klärte er noch 1995 die Berliner Zeitung auf.
»1979« umschreibt den Zeitraum von einem Jahr. Aufgeteilt in zwei Teile beginnt es Anfang 1979 mit einer exzessiven Party eines dekadenten Persers aus der Oberschicht im Iran und endet nach 12 Kapiteln Ende 1979 in einem Umerziehungslager in China. Dazwischen liegen der Tod des Freundes, mystischen Begegnungen, und eine unheilvolle Pilgerfahr zu einem Berg. Für ca. 170 Seiten eine Menge Stoff, möchte man meinen. Von der gerade stattfindenden Revolution im Iran gar nicht erst gesprochen. So bleibt dann auch alles immer etwas im Unklaren, nur Angedeutetem. Der Ich-Erzähler agiert die ganze Zeit wie unter einer Glasglocke. Der Realität entfremdet leidet er doch unter ihr bis zum Erbechen. Und magert im chinesischem Umerziehungslager bis auf 38 Kilo ab. Und spendet dennoch immer weiter Blut. Fernab jedem Komforts westlicher Bequemlichkeiten entsagt er diesen. Erklärt Kracht da etwa gelangweilt der sogenannten Pop-Literatur den Krieg?
»1979« - ein Beitrag zum Verständnis des Iran?
In »1979« geht es nur vordergründig um den Iran und die Revolution im Sommer. Und auch nur vordergründig um den Islam. Das mag die Entteuschung erklären, die der Roman erfuhr. Durch das Erscheinen kurz nach dem 11. September 2001 schaute alle Welt auf dieses Buch. Der Urvater der Popliteratur trifft auf Khomenei. Da wurde sich von »1979« plötzlich eine intellektuelle Diskussion versprochen, um die es in dem Buch gar nicht ging. Vielmehr ist »1979« ein Roman über die Generation, der Kracht selbst angehört. Sie selbst sind das Extrem des ausgehöhlten westlichen Wertesystem, das sie so beklagen. Doch zu feige den Seelenkampf im eigenen Land aufzuführen, fliehen sie in fremde Kulturen - ganz besonders Asien hat es den jungen deutschen Literaten angetan. (Man vegleiche hierzu Houellebecq's Plattform, der ebenfalls westliche Verfallserscheinungen vor asiatischer Kulisse spielen lässt. Nur dass die französischen Literaten im eigenen Land sehr viel deutlicher und sehr viel kritischer Stellung beziehen als ihre deutschen Kollegen.) Dass Kracht diesen Roman nicht in Deutschland selbst hat spielen lassen, ist symptomatisch.
Noch stärker als in »Faserland« ist der Ich-Erzähler in »1979« von moralischer Unfähigkeit geprägt, ist ein noch einsamerer Erzähler. Noch oberflächlicher, noch einfacher - und noch stylefixierter. Von Beruf Innenarchitekt ist er mehr an der Einrichtung persicher Häuser interessiert als an den Panzern, die bereits durch die Straßen rollen. Das darf durchaus als auch psychologischer Hinweis gedeutet werden. Der Ich-Erzähler in »1979« hat sich von der Welt abgewand und betrachtet nur noch sein eigenes Inneres.
»Faserland« handelte noch von dem Versuch, das ICEBoardrestaurantdeutschland mit einer verzweifelten Geste des Hasses zu entzaubern. »Faserland« war auch ein Revolutionsaufruf. »1979« liest sich hingegen wie der Fortsetzungsroman des entzaubernten Ich-Erzählers, dessen Identität sich langsam aber sicher auflöst. Der geheimnisvollen Massoud gibt dem Ich-Erzähler eine Möglichkeit zur Selbstfindung:
»Wenn wir es nicht selbst in uns ändern, werden wir alle kriechen müssen, wie Schnecken, blind, um ein leeres Zentrum herum, um den großen Satan herum, um Amerika. [...]
Es gibt nur eine Sache, die dagegen stehen kann, nur eine ist stark genug: Der Islam.«
Dass Kracht seinen Ich-Erzähler dann auf eine Pilgerfahrt zu einem heiligen Berg schickt und ihn um diesen auf Knien kriechen lässt, hat dabei durchaus auch eine gewisse Komik. Wenn Kracht bei Harald Schmidt sagte, er habe beim Schreiben des zweiten Teils oft gelacht, dann mag das bei solchen Stellen gewesen sein. Schlussendlich unterwirft sich der Ich-Erzähler dem Kommunismus chinesischer Prägung in dem er mit ihm - freiwillig oder unfreiwillig sei dahingestellt - im Umerziehungslager Frieden schließt. Dass Schicksal muss ertragen werden. Das macht den Ich-Erzähler zu einer großen, traurigen Figur, die weit über die Standard-Figuren hinausgeht, die sonst in der jüngeren deutschen Literatur zu finden sind. Dass sich die handgenähten Berluti-Lederschuhe des ebenso selbstverliebten wie weltentfremdeten Innenarchitekten im Verlaufe weniger Monate ebenso schnell auflösen (und letztlich selbstgenähten Filzschuhen weichen), wie sich seine Seele in einem menschenverachtendem System auflöst, ist dabei durchaus beängstigend.
Ich war ein guter Gefangener. Ich habe immer versucht, mich an die Regeln zu halten. Ich habe mich gebessert. Ich habe nie Menschenfleisch gegessen.
»1979« ist ein durchaus sehr gelungener, gut konstruierter Roman, der viele zu entdeckende Kleinigkeiten beherbergt. Sicher ist »1979« ein bisschen Fortsetzungsroman von »Faserland«. Und ganz unähnlich ist der Ich-Erzähler dem aus »Faserland« auch nicht. Doch noch radikaler als in »Faserland« geht Kracht in »1979« der Sinn- und Identitätssuche nach. Seinen Figuren bietet er die Religion an, lässt sie ablehnen, bietet Ihnen die Liebe an, lässt sie ablehnen, bietet ihnen den Style, was auch immer das sein soll, als Ersatzreligion an, lässt sie diese verliehren. Das ist großes Schauspiel und Kracht präsentiert es in charmantem Erzählton. Dabei legt er galant falsche Fährten, überrascht mit ganz grundsätzlichen Resumées und bewahrt dabei immer Größe.
Irony is over?
Stefan Gentz
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Christian Kracht
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