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Naumann, Cilla

Eriks Zimmer

Roman, Klappenbroschur, 279 Seiten

Stefan Gentz, München, 2003

EUR 15,00; Klappenbroschur

ISBN: 3423243317

Revision zweier Leben

Es gibt beunruhigende Bücher und solche, die man nicht begreift. Zu jenen beunruhigenden, die wertvoll sind, da sich die Frage nach einem Begreifen gar nicht stellt, zählt der vierte, jetzt auf Deutsch erscheinende Roman der schwedischen Autorin Cilla Naumann.

Eine ungewöhnlich angelegte Geschichte: Sonja und Olof, ein braves Ehepaar aus einem gutbürgerlichen Stadtteil von Stockholm – sie Anwältin, er Kinderarzt, beide erfolgreich und glücklich – sehen von jetzt auf gleich ihr Leben in Scherben, als sie erfahren, dass ihr einziger Sohn wegen Mordverdacht verhaftet wurde. Erik heißt er, ist Mitte zwanzig, ein viel versprechender Student, fest liiert, eine rosige Zukunft im Blick. Nie hatte sich Erik irgendetwas zuschulden kommen lassen, war immer ein ruhiges Kind, ein umsichtiger Jugendlicher gewesen, und als junger Erwachsener zwar immer etwas reserviert, doch stets beliebt, höflich, tadellos. Die Katastrophe ist vollkommen unfassbar. Während Erik in Untersuchungshaft sitzt und jeden Kontakt zur Außenwelt ablehnt, suchen die verzweifelten Eltern nach Erklärungen. Doch suchen sie jeder für sich, entfernen sich mehr und mehr voneinander und müssen beide feststellen, dass ihnen ihr Sohn zeitlebens ein Fremder geblieben ist.
Der Roman ignoriert konsequent jedes „kriminologische“ Detail: Die Frage – war er’s, war er’s nicht? – schwelt allenfalls im Hintergrund. Thema ist einzig die Revision zweier Leben, die in der Vergangenheit den Zusammenbruch der Gegenwart ausmachen müssen. Mit dieser Konzeption entwickelt der Roman eine ungeheure suggestive Kraft, die im besten Sinne des Wortes beunruhigend ist.

[Volker Maria Neumann]

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