litsal.de kultur & literatur lounge … lounge Rezensionen Autorenverzeichnis Verlagsverzeichnis v. 1.5
|
litsal.de bookinfo von Schönburg, Alexander Die Kunst des stilvollen Verarmens Roman, 225 Seiten Rowohlt Verlag GmbH, Reinbeck, 2005 EUR 17,90; gebunden ISBN: 3871345202
von Schönburg - Die Kunst des stilvollen Verarmens bei amazon.de bestellen
|
litsal.de | Rezensionen | Alexander von Schönburg – Die Kunst des stilvollen Verarmens
Alexander von Schönburg, Die Kunst des stilvollen Verarmens Die Kunst unter Plebejern zu überleben
Klappentext Wer weniger arbeitet, lebt mehr Nur knapp sechs Jahre ist es her, dass Alexander von Schönburg in royaler Tristesse zusammen mit Bessing, Kracht, Nickel und von Stuckrad-Barre im Berliner Hotel Adlon über die Wahl der richtigen Kleidung mit dem richtigen Label und allerlei andere Stilfragen plauderten. Eleganz und Edelmut sei für den Armen unerreichbar, waberte es da noch durch die Blume. Die richtige Haltung im Leben zu den Dingen zu haben, darauf kam es an. Und nun »Die Kunst des stilvollen Verarmens«? Die Anleitung zum Unschuldigsein des »Nicht-mehr-Angestellten«? Hat Alexander Graf von Schönburg etwa eine Katharsis durchlebt? Was bewegt ihn, ein solches Buch zu schreiben, dass sich immerhin wochenlang auf Platz eins der Spiegel-Bestseller-Liste hielt? Dank von Schönburg wissen wir nun endlich: Wer weniger arbeitet, lebt mehr. Denn, so klärt er uns Unwissenden auf, Arbeit sei ursprünglich als Strafe gedacht – für Evas Vermessenheit im Paradies nämlich, durch Luther und Calvin zum sittlichen Gebot erhoben und bis vor kurzem sei es gar chick gewesen, Workaholic ohne Privatleben zu sein. Nur: Wer will das? Von Schönburg jedenfalls will es nicht. Stress macht krank hat nun auch er erkannt, und gestresste Mitarbeiter bringen schlechte Leistung. Von Schönburg entdeckt die Langsamkeit und predigt den Müßiggang und rät: Definiere Dich nicht über die Arbeit, sondern durch Tätigkeiten, die keine bezahlte Arbeit sind. Freizeit macht frei. So manche Anekdote, die von Schönburg dem Leser aus der Welt der Schönen und Reichen zum Besten gibt, ist – niedlich. Manches gar nett und amüsant zu lesen und die ein oder andere Anekdote mag gequälte »Nicht-mehr-Angestellten«-Seelen vielleicht sogar balsamieren. Denn: Die wirklich Armen sind die Reichen. Doch eigentlich geht es von Schönburg um etwas anderes, und das ist eigentlich gar nicht so niedlich, wie es zunächst scheint. Denn Restaurantbesuche verbieten sich für von Schönburg noch aus einem anderen Grund: Weil man dort nämlich Gefahr läuft, die arbeitende Bevölkerung beim Business-Lunch zu treffen. Und wer mag schon am Nachbartisch arbeitender Menschen sitzen? Dann doch lieber das traute, einfache Pasta-Essen in einer Zwei-Zimmer-Wohnung – da ist man wenigestens unter Gleichgesinnten und -gestellten. Das eigentlich Schlimme aber, so von Schönburg, seien in jenen Spitzenrestaurants das (niedere) bedienende Personal, das sich heute höher stellt, als es ihm zusteht. Ein von Schönburg lässt sich nicht gerne von »unverschämten« Kellnern »beherrschen«. Dass gute Oberkellner in New York bis zu 75.000 Dollar im Jahr allein an Trinkgeldern einheimsen, lässt ihm den Gang ins Restaurant zur Qual werden. Es waren wohl mehr die »verkehrten Verhältnisse«, die den Grafen von Schönburg so verärgert haben, dass er dieses Buch schreiben musste. Der Pöbel, so liest es sich immer wieder zwischen den Zeilen heraus, stößt den schöngeistigen Boheme ab, widert ihn zutiefst an. Warum, fragt von Schönburg, solle man sein mühsam erarbeitetes Geld in Fitnessclubs lassen, wenn es auch eine im Türrahmen eingelassene Stange für die Klimmzüge tut? Muss man sich doch in der stinkenden Umkleidekabine mit der Gesellschaft niederen (aber muskelbepackten) Volkes abquälen. Es ist der sich von Anabolika ernährende Tankstellenbesitzer, der von Schönburg vom Fitnessclub abhält, wie man im Glossar erfährt. Und nicht, wie man zunächst dem Titel folgendend vermuten möchte, das nun fehlende Geld zur Begleichung der Mitgliedsbeiträge. Auch das Autofahren, überhaupt das Statussymbol Auto, so von Schönburg, sei aus »ästhetischen Gründen ein Unding«. Und: »Noch nie hat mir außerdem der Ton gefallen, den Autofahrer verwenden.« Auch
klingt neben den um Sympathie heischenden Anekdötchen die Abneigung der breiten Masse
des wahren Ästheten heraus: »Das Problem seien nicht die Maserati oder Aston Martin, das seien eindeutig Genussmittel, sondern die Millionen Opel Corsa, VW Golf und 3er-BMW, die unsere Straßen verstopfen«. Es sind die Plebejer-Horden und die von ihnen gefahrenen Autos, die
das Mißfallen des Grafen von Schönburgs ästhetischen Empfindens regen. Auf den Hund gekommen Gleiches gilt im Übrigen auch für das Reisen. Nicht das Reisen an sich verdammt von Schönburg im Dienste der besseren Erträglichkeit für den Neuarmen. Und führt sogleich Fontane an: »Zu den Eigentümlichkeiten unserer Zeit gehört das Massenreisen. Sonst reisten bevorzugte Individuuen, jetzt reist jeder und jede.« Oh tempora, oh mores! Ist es nicht schlimm, wenn das gemeine Volk jedes Jahr in den Urlaub fährt? Streng genommen, ist von Schönburg ein konservativer Boheme, der seine Perlen in den verarmenden Saustall der Masse hinüberzuretten sucht. Erhellend ist das nicht, und wenig hilfreich für all jene, die tatsächlich am Existenzminimum kämpfen. Bildung, die richtige und eine ab ovo distinguiert-ästhetische und moralische Haltung in Zeiten der Verarmung sind sein eigentliches Thema. Vielleicht hätte sein »alter Lateinlehrer, Dr. Deutsch – ein großartiger Mann, weil er ein Relikt aus alter Zeit war, als es noch Prügelstrafen gab, der seinen Schülern gerne Kopfnüsse bei falsch konjugierten Verben gab …« ihm empfohlen, das Buch besser »Die Kunst unter Plebejern zu überleben« zu nennen. Das wäre ein treffenderer und wohl auch ehrlicherer Titel gewesen. So ist Alexander von Schönburg nur auf den Hund gekommen. Mehr nicht. Alexander von Schönburg - Die Kunst des stilvollen Verarmens bei amazon.de bestellen Weitere Rezensionen: –
|
Short Info Alexander von Schönburg Jahrgang 1969, war lange freier Journalist (u.a. für "Esquire", "Die Zeit" und die Züricher "Weltwoche"). Nebenbei war er Teil des popliterarischen Quartetts, das 1999 "Tristesse Royale" herausgab, und Redakteur der Berliner Seiten der FAZ. Zur Zeit arbeitet er als freier Autor in Berlin. |